3. Tag – Aschaffenburger Höhenweg oder “Siebenschneidenweg”

Die Edelhütte war urgemütlich – aber unser Matrazenlager direkt über der Gaststube. Und dort wurde bis 1:30 fröhlich gezecht. Etwas unglücklich, aber dies ist nun mal keine Tourenhütte. Bergsteiger gibt es hier nicht, nur Wanderer wie wir.

Somit machten wir uns halb im Schlaf (und Thomas hoch motiviert) um 8.15 Uhr auf den Weg. Schnell zeigte sich, wie gut die Idee der Akklimatisierung war. Gut fühlen wir uns, und der erste Aufstieg zur Popbergschneide war ein leichtes Spiel. Selbst unsere Rucksäcke fühlten sich nicht mehr so fremd und schwer an. Auf dem Grat angekommen stellten wir beruhigt fest, dass der Grashang auf der anderen Seite inzwischen trocken und sicher zu begehen war (dies war Thomas größte Sorge).

Was wir auch sahen war der mächtige Talkessel, der uns von der zweiten Schneide trennte. Eine großartige, weite Landschaft, die sich später für uns als technisch schwierig zu bewältigendes Blockgelände erweisen sollte. Über die ersten Platten sprang Lucka noch wie eine Gämse ohne zu ahnen, dass sich dieser Spaß noch viele Stunden wiederholen würde… Noch im ersten Talkessel überholte uns das eine Viertelstunde später gestartete tschechische Team aus 14 Leuten.

Nummer Zwei, die es zu bewältigen galt, war die Krummschnabelschneide. Oben bot der Grat einen imposanten Anblick. Die zwei letzten der tschechischen Gruppe machten sich gerade zum Abstieg bereit – viel Platz gab es nicht für das erste und einzige Pausenbrot an diesem langen Tag.

Von der Krummschnabel- zur Nofertensschneide war nochmals ein langer Marsch, selbstredend über viel Blockwerk. Oben auf dem steilen, drahtversicherten Grat angekommen, stellten wir überrascht fest: wir waren  bereits vier Stunden unterwegs! Aber das nächste Schartl (Hennsteigenkamp) war nicht weit und zügig zu erreichen. Von dort an war uns klar, es würde nun leichter.

Das Wetter wurde zunehmend besser und schon bald brannte uns die Sonne auf den Pelz. Nach knapp einer Stunde erreichten wir die eindrucksvolle Mauer auf dem Hennsteigenkamp. Beim Übersteigen der Mauer waren wir überrascht, die Tschechen wiederzusehen, die dort auf der Wiese eine große Mittagspause einlegten. Vermutlich lagerten sie dort schon eine Stunde…

Die fünfte und sechste Schneide waren weniger spektakulär, wir überwanden sie schnell und ohne längere Zwischenstopps. Nur am hölzernen Biwak verweilten wir kurze Zeit.  Dafür nahmen wir uns viel Zeit an der siebten Schneide, genossen die Sonne und bewunderten uns selbst beim Rückwärtsblick über den bereits absolvierten Weg. Was für eine Distanz! Man konnte die erste Popbergschneide in weiter Ferne gerade noch sehen…

Wir wussten, ab jetzt wird es noch viel Motivation kosten: schon bald sollte sich der Blick auf die Kasseler Hütte vor uns eröffnen und der mühsame Ab- und Aufstieg dorthin. Aber das Panorama kam nicht!!! Wir stiegen weiter auf und ab, über Steine, Blöcke und Grashänge, und hinter jeder Biegung tat sich ein neuer Berg auf. Zum Verzweifeln… zu allem Überfluss baute sich ein gewaltiges Monsterblockwerk mannsgroßer Steine auf, das einige Klettereinlagen (wohlgemerkt mit 10kg-Rucksack) abverlangte und an dem Thomas beinahe gescheitert wäre, nachdem er übermütig eine Reibungskletterei mit Bergschuhen versuchte und prompt abrutschte.

Nach dem nächsten mühsamen Aufstieg fanden wir uns plötzlich auf einem imposanten Grat wieder, der den versprochenen Ausblick auf die Kasseler Hütte bot. Und siehe da – dort stand eine ‚7’ auf einem Stein – die siebente Schneide. Wir hatten uns schlicht verzählt…

Dummerweise trennte uns von der Kasseler Hütte noch ein tiefer Taleinschnitt: wir wussten aus der Tourenbeschreibung, dass uns nun 200m Abstieg und weitere 200m Aufstieg zur rettenden Hütte erwarteten. Und das in schier unerreichbarer Entfernung. Was wir ebenfalls wussten: das Abendessen würde um 18 Uhr serviert und es würde nur Pasta geben (wussten wir aus sicherer Quelle).

Wir bissen die Zähne zusammen und erreichten mit letzter Kraft die Hütte – kurz vor dem Essen. Die Stiefel kaum ausgezogen überrumpelte uns der Wirt auf das Allerherzlichste, wies uns zackig ein Lager sowie einen Tisch zu (Ihr sitzt hier bei Tischnachbar xy. Wollt Ihr Halbpension oder nicht – es gibt sowieso Pasta…). Lucka wollte so schnell wie möglich auf die Terrasse flüchten. Dabei landete sie fast in der Küche (das wäre auch der kürzester Weg dahin gewesen) – und prompt wurde sie vom Hüttenwirt „charmant“ zurückgepfiffen: Du musst heute abwaschen! Lucka zog jedoch die warme Dusche vor und verschwand einfach.

Immerhin versprach der vom Wirt vorgetragene Wetterbericht zumindest regenfreie Aussichten und einige Aufheiterungen am nächsten Tag. Wir fühlten uns erschöpft und ausgelaugt, aber schworen uns: morgen verlassen wir die Kasseler Hütte und ziehen weiter. So richtig kamen wir mit der “perfekten” Hüttenorganisation nicht klar. Vielleicht lag es daran, dass wir uns eigentlich im Urlaub wähnten… So verabschiedeten wir uns früh von unseren sehr netten polnischen Tischnachbarn aus Hamburg, die wir bereits von der Edelhütte kannten und die schon seit 15 Uhr (inkl. Suppe kochen!) auf der Kasseler weilten, und gingen zu Bett. Die Nacht war denn auch richtig erholsam, wir schliefen wie die Murmeltiere.

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